DeR toXiSChe UnteRGanG dEr UtoPie InterNet

2. überarbeitete Auflage, betont arm an Corona und auch als Podcast für unterwegs:

HaLLo, icH bIN Es mAl wiEDeR, SqUiSHy, dEr frÖHliChe, bloGGenDe tinTEnfiSch. Und beginnen wir mit etwas Schönem und Wundervollen: Tintenfische.

Tintenfische sind bunt. Wir können unsere Farbe und unsere Form ändern und sind einfach die Coolsten. Und falls ihr es noch nicht gehört haben solltet: Wir haben gleich neun Gehirne. Neun, in Worten: Neun. Ja, es stimmt, es gibt nur ein Haupthirn und je eines für jeden Arm. Das schmälert die Sache natürlich nicht, denn selbst wenn ihr Menschen das ebenfalls hättet, kämt ihr noch immer auf maximal fünf Gehirne. Außerdem hat damit jeder unserer Arme mehr Gehirn als der durchschnittliche Internet-Kommentator. Und während wir Tintenfische so viele bunte Farben und Formen kennen, könnte man denken, dass es im Netz eigentlich nur schwarz und weiß gibt – Fakt und Fiktion. Dabei haben es aber die Welten zwischen Twitter, Facebook und besonders YouTube geschafft, dass zwischen Wahrheit und Fiktion ein lustiges, farbenfrohes Blibbelbabbel existiert, das bunter ist als eine Expressionismus-Ausstellung auf LSD.

Es gab Zeiten, da war das Internet ein Spielplatz der Nerds. Computer waren Luxusgegenstände für Akademiker und Freaks und ein eigener Zugang zum Netz war schon ungewöhnlich. Ursprünglich wollte die US-Luftwaffe, dass sich die für sie forschenden Universitäten miteinander vernetzten, um besser zusammenarbeiten zu können. Es waren also für Wissenschaftler von Informatikern errichtet worden. Erst vor 30 Jahren wurde es der Öffentlichkeit abseits der Unis zugänglich gemacht. Dennoch blieb es lange das Spielzeug von Physikern, Ingenieuren und Computerspezialisten, also Bilderbuchnerds, als wären sie direkt aus der Big Bang Theory entsprungen. Und noch heute sind Geek-Themen der Grundstock des Internets: Science Fiction, Fantasy und Pornos (und Kombinationen daraus…)

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wurde das Internet immer bedeutsamer, weil bequemer. Und spätestens mit der Erfindung des Smartphones und dessen Siegeszugs (Danke, Steve Jobs!) war das Internet mit einem Mal nicht mehr nur von hysterisch kreischenden 19.2-Modems erreichbar, sondern von überall, und jeder hatte Zugriff.

Immer.

Überall.

Jeder.

Und das wurde groß gefeiert, denn man hatte schon immer den Traum, dass mit dem Internet und dem von ihm zur Verfügung stehenden Wissen eine neue Welle der Aufklärung über die Menschen schwappte: Alle Informationen der Welt, ganze Bibliotheken waren mit einem Klick der Maus oder Tipp auf den Bildschirm erreichbar. Toll.

Dann die nächste Idee: Soziale Netzwerke wurden gegründet, um sich mit Menschen aus aller Welt zu verbinden. Man erinnere sich an die Zufallsfunktion solcher archaischer WhatsApp-Vorfahren wie ICQ: Per Knopfdruck konnte man mit irgendwem von sonst wo auf der Welt chatten. Wer nie das verkackte „Uh-oh!“ von ICQ hassen gelernt hat, hat nicht wirklich gelebt. Dann konnte man eigene Internetseiten erstellen (Wer kennt noch MySpace?), bis schließlich Facebook, Tumblr und Co. das alles in sich verbanden. Fotos, Texte, Filme, Blogs wie dieser, alles konnte von allen erstellt, hochgeladen und geteilt werden. Die ganze Welt vereint als globales, digitales Dorf, in dem jeder mit jedem vernetzt war und alle ihren eigenen Content erstellen und verteilen konnten, während sie den der anderen sehen und kommentieren durften. Was für ein Paradies. Die ganze Welt rückt zusammen, Entfernungen, Landesgrenzen, (so genannte) Rassen (gibt es in Wirklichkeit gar nicht bei euch Menschen, ist aber den meisten egal), all das konnte man überwinden. Grundlage für Frieden auf Erden?

Na ja…

Auftritt der Idioten: Eigentlich hätte man es sich schon denken können. Wenn jeder, und wirklich jeder ahnungslose Scherzkeks seinen Mist ins Netz stellen kann, dann tut er es auch. In den ersten zehn bis fünfzehn Jahren des öffentlich zugänglichen Internets brauchte man noch Programmierkenntnisse in HTML oder PHP usw., um Inhalte einzustellen. Eine gewisse intellektuelle Grundausstattung war eigentlich Voraussetzung. Nicht, dass Informatiker die absolute Ahnung haben, wie die Welt funktioniert, im Gegenteil. (Ich will hier nicht unbedingt die Klischee-Keule heraushauen. Nicht wenige Informatiker sind gut funktionierende Mitglieder der Gesellschaft. Dennoch, das überzogene Bild des ungewaschenen Computernerds, der seitenweise hochkomplexe, kryptische Codes ausspuckt, aber von der Zubereitung einer Fertigpizza überfordert ist, hat mehr als einen folkloristischen Ursprung.) Aber sie wissen immerhin um ihre Schwächen und versuchen nicht, dem Rest der Welt zu erklären, wie diese zu funktionieren hat.

Warum aber versuchen das genau diejenigen, die noch weniger eine Vorstellung von der Realität haben? Ich will an dieser Stelle ein paar Effekte nennen.

Punkt 1: Der Dunning-Kruger-Effekt. Ich fasse das, was die Herren David Dunning und Justin Kruger da beobachtet haben, mal in einem Satz zusammen: Dumme sind zu dumm, um zu erkennen, dass sie dumm sind. Das ist eigentlich etwas zu einfach und im Grunde beweist der Satz schon, dass niemand davor sicher ist. Man stelle sich das eher so wie den Vierzehnjährigen vor, der es geschafft hat, auf einer billigen Stratocaster-Kopie einen e-Moll Akkord zu schrabbeln und sich sofort als den neuen Jimi Hendrix sieht. Man ist stolz auf seine ersten, mickrigen Gehversuche, kann aber effektiv nix.

Im Netz sammeln sich solche hoffnungsvollen Möchtegernprofis und meinen, sie seien die ultimativen Experten für alles: Virologie (weil sie mal Grippe hatten), Geschichte (weil sie beim Friseur mal in irgendeinem garstigen Eso-Käseblatt einen grützigen Artikel gelesen haben, dass es das Mittelalter gar nicht gegeben haben soll), Statik (da war mal dieses YouTube-Video zu 9/11 und jetzt weiß ich Bescheid) und so weiter. In Facebook- und anderen Gruppen tummeln sie sich unter ihresgleichen und wenn die anderen Deppen das sagen, muss es ja stimmen. Unser Jung-Hendrix hat sich mit einem arhythmischen Schlagzeuger und einem gelähmten Bassisten zu einer Band zusammengetroffen, die sich nun „The Cool Fuckers“ nennt und das musikalische Äquivalent der obskuren Krakeleien an der Kühlschranktür sind. Aber man fühlt sich halt geil wie Sau. Die im Rudel entstehende Filterblase aus Inkompetenz und Ignoranz führt also zu einem Maß an Selbstüberschätzung, das proportional zur eigenen Blödheit ansteigt. Es braucht einen Sokrates, um zu sagen „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Es braucht einen Idioten, um zu glauben, die Erde sei flach und alle, die das nicht erkennen sind gehirngewaschen.

Punkt 2: Der Knüppel von Ockham sein Bruder. Stimmt, den Namen habe ich erfunden. Was es gibt, ist „Ockhams Rasiermesser“, ein Prinzip, das besagt, dass (grob gesagt) von mehreren Erklärungen für einen Sachverhalt, die einfachste in der Regel die beste ist. Einfach heißt dabei, dass sie möglichst wenige Variablen enthält und diese streng logisch verknüpft sind. William von Ockhams Bruder Kevin von Ockham ging da etwas stumpfer vor. Von mehreren Erklärungen ist diejenige, die ich verstehe, die einzig richtige, egal, was für einen Bullshit ich mir zusammenreimen muss, um ihn gegen jede Logik zu verteidigen. Bleiben wir hierfür bei den Flachschädeln der Flache-Erde-„Theorie“.

Soll man wirklich glauben, dass wir auf einer riesigen Felskugel vor uns hin rotieren? Am Äquator wären das Geschwindigkeiten von über 1.600 km/h, in Deutschland noch immerhin etwa Schallgeschwindigkeit. Das hängt vom Breitengrad ab. Unvorstellbar, dass man da von der Fliehkraft nicht weggeschleudert wird… Ja, ist nur dann unvorstellbar, wenn man die Mathematik dahinter nicht kennt, denn es gibt ja auch noch die Schwerkraft. Am Äquator ist ein durchschnittlicher Mensch etwa 400g leichter. Nix, was eine Tafel Schokolade nicht korrigieren könnte.

Und wir sollen uns mit etwa 100.000 km/h um die Sonne bewegen, ohne dass wir von solchen Geschwindigkeiten was merken oder gar weggeschleudert werden? Gegenfrage: Warum können wir in einem Flugzeug fröhlich hin und her latschen und von den Flugbeleitern auf unseren Platz geschickt werden (weil das nicht erlaubt ist), ohne zu merken, dass wir mit 800km/h durch die Luft dröhnen? Antwort: Flugzeuge gibt es gar nicht und man darf den Platz nicht verlassen, damit man das nicht merkt!!1! Gibt bestimmt jemanden, der das denkt…

Die Vorstellung, dass wir auf einer Kugel aus geschmolzenem Gestein, umgeben von einer dünnen, harten Schale mit wahnwitziger Geschwindigkeit durch ein unfassbar riesiges Universum rasen, ist so unglaublich und die Tatsache, dass wir im Vergleich nur ein Furz in einer Supernova sind, ist für einige so unerträglich und viel zu gigantisch, dass es in ihr kleines Hirn einfach nicht reingeht. Die flache Erde ist da eine schlichte und einfache Alternative, die für einfache Gemüter schlichtweg verführerisch erscheint. Und ist das nicht genau das, was Ockhams Rasiermesser eigentlich sagt? Die flache Erde ist ein viel einfacheres Modell als das des Unfassbaren? Äh, nein. Das Problem ist nun einmal, dass dieser Flacherdlerblödsinn einfach nicht die Wirklichkeit sinnvoll abbildet. Dieser Glaube wird nämlich genau dann unendlich kompliziert, wenn man versucht alle beobachtbaren Phänomene damit zu erklären. Jahreszeiten, Sonnenauf- und -untergang, Horizont, Flugstrecken und -zeiten, sogar Gravitation steht plötzlich zur Debatte. Eine runde, schnell rotierende Erde erscheint erstaunlich, fast unglaublich, aber sie erklärt alles, was die Flachköpper nicht geschissen kriegen. Sie versuchen es und YouTube ist voller als jede „gefühlte“ Teilnehmerzahl einer Anti-Corona- oder Pegida- oder „Rassisten für Mopszucht“-Demo. (Nur die gefühlte bitteschön, denn dann kann man sich, weil man gerade inmitten eines Pulks von zwölf Deppen, wie Teil einer großen masse betrachten, während man von außen nur das traurige Herumschlurfen eines bemitleidenswerten Grüppchens denkbefreiter Dorftrottel sieht.) Leider sind die Versuche, Modelle wie die flache Erde zu rechtfertigen oft nur gröbste, armselige und schwachsinnige Realitätsverweigerung und selten mit weniger als drei Krabbencocktails zu ertragen. Man klatscht sich so viel mit dem Tentakel vor die Birne, dass man schon wegen Selbstgefährdung eingeliefert gehört. Vielleicht gehe ich irgendwann mal auf diesen kuriosen Glauben näher ein, heute nicht.

Der Knüppel von Ockham sein Bruder besagt also, wenn eine Erklärung beim zweiten Hingucken keinen Sinn mehr macht oder deutlich komplexer ist, als man zunächst angenommen hat, muss man sie halt mit Gewalt trotzdem irgendwie durchprügeln. Und wenn das eine Argument widerlegt wurde, wird ohne Worte ein neues, kruderes, obskureres aus dem Filzhut gezerrt, das sich eigentlich seiner selbst schämt und beim Hervorbringen schon hysterisch kreischt, man möge es bitte von seinem Leid befreien. Man fragt sich ja schon, wo diese Leute, die über weniger Denkvermögen verfügen als die Fussel am Boden einer Sockenschublade, so viel Fantasie herhaben. Die Alternative zu dieser zunehmend bemitleidenswerten Kette an Ausreden wäre, dass man zugibt, dass man Unrecht hatte und das würde dem eigenen Ego widersprechen, das durch den Dunning Kruger Effekt gerade erst so schön groß geworden ist.

Punkt 3: Lieber Scheiße als gar nix zu fressen. Also, lieber eine Auffassung vertreten, die gar keinen Sinn macht, als zuzugeben, dass man etwas schlichtweg (noch) nicht weiß. Was hat den Urknall ausgelöst? Antwort der Astrophysiker: „Wir sind uns nicht sicher. Es wird daran gearbeitet.“ Antwort der Religiösen: „Haha, ihr gebt also zu, dass ihr keine Ahnung habt. Wir schon: Es war Gott! Schachmatt, ihr Pisser! Woohooo!!! Party mit Messwein im Keller der Sankt Bartholomäus Kirche! Wir sind so schlau, wir sind so schlau, wir sind so schlau, wir sind…“

Offenbar kommt ihr Menschen nicht klar, wenn ihr etwas nicht wisst. Lieber reimt ihr euch irgendeinen Müll zusammen, den man sich auch nicht erklären kann. So, wie die Frage, woher das Universum kommt. Dabei verstrickt man sich schnell in logischem Makramee. (Wer diesen Handarbeits-Trend aus den 1980er Jahren nicht mehr kennt: Makramee ist so etwas wie Klöppeln für Grobmotoriker mit einem übelriechenden Sisal-Garn und eingeflochtenen naturfarbenen Holzperlen einer Größe, die als Meteorit alles Leben auf unserem Planeten hätte ausrotten können.) Wie war das? Alles, das irgendwie einen Anfang hat, muss eine Ursache haben. Da das Universum einen Anfang hat, hat es auch eine Ursache. Okay, wenn man annimmt, dass das Universum einen Anfang gehabt hat (was wirklich vor dem Urknall war, können wir mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft leider nicht bestimmen, aber gut), was war denn dann diese Ursache? Die Antwort ist dann natürlich, es sei (ein) Gott gewesen. Bohrt man weiter nach, stellt sich aber heraus, dass dieser Gott von all diesen logischen Regeln ausgenommen werden muss, damit das funktioniert. Warum ich diese Ausnahmen nicht gleich für das Universum annehmen darf und stattdessen einen übernatürlichen Sky-Daddy brauche, hat man mir noch nicht schlüssig erklären können.

Es wird immer Ereignisse geben, bei denen niemand so sicher weiß, wer oder was dahintersteckt. Handelte Lee Harvey Oswald alleine, als er am 22.11.1963 auf JFK schoss? Hatten zumindest Teile der US-Regierung vielleicht Kenntnis von den Plänen zum 11. September 2001 und haben es einfach geschehen lassen? Klar ist bei solchen Sachen immer: Je mehr davon wissen, desto schwerer ist es, das lange geheim zu halten. Aber wenn es irgendwo einen CIA-Mann gab, der mit einem kleinen Team von fünf oder sechs Typen eigenmächtig gehandelt hat, ist das nicht unmöglich. Aber heißt das, dass es so war? Ihr wisst es doch einfach nicht! Das muss und kann man auch mal akzeptieren. Menschen fangen aber sofort an zu hyperventilieren und Schaum auszuwerfen, wenn sie mit Unwissenheit konfrontiert werden. Schuldige müssen gefunden und angeklagt werden. Wenn nicht vor Gericht, dann in einem wirren Sharedpic voller sprachlicher Fehler.

Punkt 4: Kleines Ego, großes Ego. Es ist nun mal leider so: Die Schlauen sind potenziell erfolgreicher im Leben. Das tut uns leid. Vor allem ist das eigentlich ein wenig ungerecht, weil auch die „kleinen Leute“ (das sagt man so, die sind eigentlich nicht klein) ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Vor allem machen von ihnen viele genau die Jobs, die die da oben nicht machen wollen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Man akzeptiert das, weiß, dass man auch einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet und ist stolz darauf – auch wenn man den Dreck der „oberen Zehntausend“ (die sind eigentlich weder „oben“, noch wirklich zehntausend… noch so eine Redensart…) wegmachen muss. Man tut sein Bestes, verdient damit ehrliches Geld (was übrigens viele da „oben“ nicht von sich behaupten können) und lebt ein gutes Leben mit einer gehörigen Menge Selbstrespekt. Und die da oben täten gut daran, ihnen dankbar zu sein und sie nicht herablassend zu behandeln. Und mancher arbeitet sich dann doch noch nach oben. Gönnen würde ich es ihm.

Die zweite Möglichkeit ist dagegen, sich nicht damit abzufinden und stattdessen etwas zu finden, mit dem man sein unrechtmäßig angeknackstes Ego wieder aufpolieren kann. Flöbbl zum Beispiel. Mein lieber Cousin ist ein Faulpelz, ein klassischer Schmarotzer. Falsche Arbeitsauffassung, mangelnde Tentakelhygiene (er hatte neulich einen Rest Garnelenbein am Schnabel kleben, das gar nicht mehr gut aussah) und ein loses Mundwerk sorgen dafür, dass er so niemals über seinen Status als gescheiterter Arbeitsloser und Generalversager (auch „Lebenskünstler“ genannt) hinauskommen wird. Tja, was tun? Wie kann man sich, ohne sich zu bewegen, von der großen Masse abheben und ein Gefühl der Überlegenheit bekommen?

Ist schon klar: Das Internet und seine fehlgeleiteten Flachhirne bieten einem alles, was Flöbbl braucht: Vom „Marianengraben-Fake“ über „Ostriff 7 was an inside Job“ bis hin zu der Weltverschwörung der Krilluminaten ist alles da. Von den Reichs-Calamari fange ich aber hier gar nicht erst an. (Flacherdler findet man hier nicht – so dumm sind nicht mal Quallen – und die sind tatsächlich hirnlos im wörtlichen Sinne.) Die „da oben“ sagen (verständlicherweise), dass das kompletter Bullshit ist. Wenn man sich aber dazu entschieden hat, diesen Rotz zu glauben, meint man über ein geheimes Wissen zu verfügen, dass einen eben von den anderen abhebt. Es bilden sich diese kleine Kommunen der Anti-Aufklärung, in denen sie sich alle nach dem Mund reden und sich gegenseitig toll finden, während sie sich in Rage quasseln. Mehr noch. Nur über das Teilen eines dummen Bildchens kann man sich als Teil eines nichtexistenten Widerstands hochstilisieren. Wie in einem großen Fantasy-Rollenspiel ist man plötzlich nicht mehr Fleischereifachverkäuferin oder Elektroinstallateur, sondern Helden, die mit dem Flammenden Schwert der Wahrheit halbgare Pseudofakten und gut durchgebratene Kurzschlusslogik verbreiten. Das ist das Tolle: Man muss, um sich als Teil des Widerstands zu fühlen, nicht einmal in einen Krieg stürzen. Es reicht das Teilen schlechter YouTube-Links und das Streuen dümmlicher Lachsmileys unter gut recherchierten aber unbequemen Inhalten.

Aber das Lachen vergeht ihnen schlagartig, sobald jemand diese Ansichten wagt anzweifeln zu können. Das ist dann nämlich kein Gesprächsansatz oder keine freundliche Hilfe, sondern ein Angriff, nicht auf das eigene Weltbild, sondern auf das gesamte Selbstwertgefühl, auf das ganze aus Fertig-Kartoffelbrei modellierte Heldenbild, auf alles, was dem miesen kleinen Leben, mit dem man doch so unzufrieden ist, einen eingebildeten Sinn verliehen hat. Und auch einige schlaue Köpfe werden dazu verführt, der tumben Masse nach der Fresse zu reden, denn dann werden sie wie messianische Lichtgestalten emporgehoben. Dem kann oft nicht einmal der schlaueste Universitätsprofessor widerstehen.

Ich gebe zu: Da könnte die Gegenseite allerdings aber auch mal ein wenig freundlicher und weniger arrogant daherkommen – nicht weil sie nicht recht hätten, einfach nur, weil man mit herablassendem Verhalten nicht weit kommt. Die armen Trottel sehen ihre ganze Existenz bedroht und als einfachere Wesen kennen da nur eins: Aggression. Der Ton wird rauer, die Beleidigungen schärfer und aus Frieden auf Erden wird Krieg auf Twitter.

Und damit sind wir schon am Ende der Problematik. Jeder Idiot kann seinen Müll im Internet ablassen und wird Leute finden, die das dann glauben, weil es ihnen gerade gefällt. Institutionen wie Google geben einem gar nicht die „besten“, sondern nur die meistge- und besuchten Seiten an, sodass man bei einer Suche ein paar gute Seiten und eine Menge Kroppzeug bekommt. Wie soll man das filtern? Was ist Wahrheit? Oh je… Das Internet spaltet sich in zwei massiv feindlich gesonnene Lager: Die, die aufklären und die, die nicht aufgeklärt werden wollen, weil es ihre vermeintliche, höhere Weisheit in Frage stellt. (Ach nee, da ist noch das dritte Lager: diejenigen, die sich nach wie vor nur für Gratispornos interessieren.)

Ruhe in Frieden, Utopia Internet. Die Idee war gut, die Trottel besser.

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