sQuisHy deFiNierT „MeinUngsFreihEit“

Für manche Dinge braucht es halt einen Tintenfisch…

haLLo, Ich Bin Es maL wiEDer, SqUisHy, der offenherzige Tintenfisch. Und ich muss sagen, eure Spezies ist manchmal selten dämlich. Ja, fühlt euch ruhig beleidigt, aber das müsst ihr jetzt ertragen. Ich spreche ja niemanden individuell an. Es gibt Gründe, warum ich denke, dass ihr nicht intelligent genug für eine direkte Demokratie seid, in der das allgemeine Volk selbst über Gesetze und so weiter entscheiden darf. Ihr habt nämlich von Gesetzen keine Ahnung. Das geht schon bei eurer Verfassung, dem so genannten Grundgesetz in Deutschland los. Die größten Probleme habt ihr im Moment ja mit dem einen Artikel, nämlich dem fünften. Das ist der mit der Meinungsfreiheit. Den rafft ihr so gar nicht.

Das sehe ich an mehreren Fronten. Ich weiß, ich sollte damit aufhören, Kommentarspalten der Nachrichten zu lesen. Seien es soziale Medien, privatwirtschaftliche Zeitungen oder die vielfach verhassten öffentlich-rechtlichen Kanäle. Letztere, so muss ich in einem Exkurs kurz meinen nichtdeutschen oder nichtmenschlichen Lesern und einer erlesenen Handvoll Ignoranten erläutern, sind ein recht einzigartiges Kuriosum, bei dem man einen staatlich vorgeschriebenen Betrag leisten muss, damit Nachrichtensprecher wie Jan Hofer zwischen Berichten über Tod, Verderben und den Untergang der Menschheit (kulturell ist dieses Ziel mit der Erfindung des Deutsch-Rap allerdings bereits erreicht – dazu aber ein anderes Mal) keine Frühstücksflocken anpreisen müssen. Zusätzlich bekommen wir das „Sportschau“ genannte Viewer’s Digest der Tritt-den-Ball-durch-die-Botanik-Wettspiele, die meist nur im Pay-TV in Gänze zu sehen sind, inklusive Kommentare von ex-Spielern, die nun kein postkarrieräres (Gibt es das Wort? Habe ich mir ausgedacht. Toll, was?) BWL-Studium mehr ableisten können, weil sie den Ball zu oft mit dem Kopf gespielt haben. Es sei denn, man hat einen Schädel wie den von Ex-Nationalspieler Michael Ballack, dessen Stirn erwiesenermaßen aus Stahlbeton besteht. Dazwischen wird uns das Mutantenstadel XVIII „Return of the Revenge of the Sons of Florian Silbereisen’s Clone Sister“ dargeboten, jenes lautstarke „JA“ auf die Frage, ob man sich sicher ist, dass man über pure Sinneswahrnehmungen einen Gehirntumor bekommen kann. Diese öffentlich rechtlichen Medienanstalten sind so verabscheut, weil sie sich über einen Solidarbeitrag finanzieren, egal, ob man ihr Programm tatsächlich nutzt oder nicht. Der Kritikpunkt liegt hier dabei, dass man angeblich staatlich subventioniert vorgekaute Meinungsbrühe vorgesetzt bekomme, die einem nicht gefällt. Der Gedanke allerdings, dass diese Medien gerade auch politisch unabhängig bleiben sollen, weil sie eben nicht vom Staatshaushalt und den aktuell regierenden Parteien aber auch nicht vom Wahlverhalten des amtierenden Geschäftsführers abhängig sind, wird gerne ignoriert. Egal ob auf derartigen Kanälen, ob auf Privatsendern, in politisch nicht selten eingefärbten Zeitungen (Zeit und Spiegel auf der einen, Welt und Focus auf der anderen Seite der Mitte) oder auf den unterschiedlichsten sozialen Plattformen (an vorderster Front Twitter oder Facebook) – überall sagen die Leute ihre Meinung in Form unterschiedlicher Kommentare und fühlen sich angegriffen, wenn andere das auch tun, indem sie diese Meinung kritisieren.

Der Satz „das wird man doch wohl sagen dürfen“ hat sich bei einigen von euch schon so tief ins Gedächtnis gebrannt, dass er wie ein quasireligiöses Mantra erscheint. Andererseits ist er zu einem bitter schmeckenden Klischee geworden, das man vor allem aus der Ecke des Blauen Bernd H. zu hören bekommt. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sagt so manche gescheiterte Existenz, was sie denkt und entlarvt sich damit als Arschloch. Dabei darf man eben nicht alles sagen, was einem so durch die Echokammer des leeren Schädels hallt. Die meisten denken nämlich immer, im Grundgesetz stehe „Kannst, sagen, wassu willst, Allder!“ Einige wenige kennen vielleicht noch etwas genauer die Worte „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, wissen aber nicht, dass a) der Satz da noch nicht zu Ende ist, b) der Absatz so oder so nicht und c) der ganze Artikel noch lange nicht. Wichtig ist dabei nämlich Absatz 2: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Man darf also alles im Rahmen der weiteren Gesetzgebung sagen. Dass irgendwelche Personen nun sogar (in erster Instanz) gerichtlich damit durchgekommen sind, eine deutsche Politikerin namens Renate K. unter anderem als „Drecksfotze“ und anderes zu bezeichnen (um zu erläutern, was man unter diesem Begriff versteht, müsste ich nun in Details menschlicher Reproduktion gehen, die ich lieber eines Tages Cousin Rohrschach für einen Gastbeitrag überlasse, sollte ich mal das Bedürfnis haben, meinen Ruf komplett hinzurichten – um es dezent abzukürzen, kann ich einfach sagen, dass es sich um ein ungewaschenes weibliches Geschlechtsorgan handelt), ist unschön. Die Richter fanden das gar nicht schlimm, weil es im Rahmen einer „Sachauseinandersetzung“ gefallen sei. Was zum Geier ist das für ein Schwachsinn? Sachauseinandersetzung? Es ist mir egal, in welchem Zusammenhang diese Äußerung gefallen ist – selbst wenn betreffende Dame die anderen zuvor direkt und persönlich als halbgare Arschbohrer bezeichnet haben sollte – das ist doch total wurscht. Muss man sich gleich auf dieses Niveau herabbegeben?

Etwas anders liegt die Sache mit der kleinen Schweizerin Alice W. Sie forderte einst die politische Korrektheit „auf den Müllhaufen der Geschichte“. Mit der politischen Korrektheit ist das so eine Sache. Angefangen hat es damit, dass man bestimmte Begriffe und Wörter verbannen wollte, um einigen Gruppen, vor allem so genannte Minderheiten schlicht und ergreifend nicht mehr ständig auf die Füße zu treten. Es ist schon komisch genug, dass ihr Menschen euch andauernd anhand irgendwelcher komischen Merkmale in Gruppen einteilen müsst. Haar-, Augen-, Hautfarbe, biologisches Geschlecht oder eigene Zuordnung, die Religion (an sich ein seltsames Konzept, aber dass man darum so ein hirnrissiges Gewese machen muss – damit meine ich die ganze Meute alle zusammen) und natürlich die Herkunft. Nun, für mich und die anderen Nichtmitglieder eurer Spezies seht ihr alle beinahe gleich aus und seid auch fast alle gleich – gleich arrogant, dass ihr meint, ihr müsstet diesen Planeten behandeln, als gehöre er euch allein. Nun gut, politische Korrektheit versuchte immerhin damit aufzuräumen, dass man Mitglieder bestimmter Gruppen mit abwertenden Begriffen pauschal beleidigen und ausgrenzen muss. Menschen dunkler Hautfarbe nannte man nun nicht mehr „Neger“, Homosexuelle (warum Menschen so einen Aufwand darum machen müssen, wenn sich biologisch gleichgeschlechtliche Wesen zueinander hingezogen fühlen, verstehe ich nicht – passiert im Tierreich andauernd) nicht mehr „Schwuchtel“, Frauen im Allgemeinen nicht mehr „Fotzen“ oder das etwas harmlosere „Schlampe“. Das klingt erst einmal gut und sinnvoll. Agiert man allerdings übertrieben aus einer Art vorauseilendem Gehorsam heraus und unterstellt diesen Gruppen eine Empfindlichkeit, wo keine ist, regt sich schnell Widerstand, der dazu führt, dass das ganze an sich gute Projekt von anderen in Zweifel gezogen oder eben von der kleinen Alice sogar auf eben jenen Müllhaufen gewünscht wird. Um die Folgen einer solchen Verklappung zu verdeutlichen, nannte ein Satiriker sie daraufhin „Nazi-Schlampe“ und wurde prompt verklagt. Erfolglos. Das nennt sich Satire. Die „Drecksfotze“ war keine Satire. Nein. Das war eine Beleidigung. Die „Nazi-Schlampe“ funktioniert als Satire. Den Unterschied zu erkennen sollte eigentlich keine Kunst sein. Wer das dennoch nicht hinbekommt, sollte das Feld zwischenmenschlicher oder anderer Kommunikation möglichst großzügig umschiffen.

Eine ganz andere Sache wiederum ist das mit Bernd „Faschist“ H. Gerade diese beiden, Renate und Bernd werden gerne in einen Topf geworfen. Die Linke freut sich über den Faschisten, die Rechte über die Drecksfotze. Dabei sind beide sehr unterschiedliche Fälle. Frau Renate K. kann tun und lassen, was sie will, sie ist rein sachlich kein ungewaschenes, weibliches Geschlechtsorgan. Sie hat wahrscheinlich (solange hier keine unbekannten Besonderheiten vorliegen) ein solches (ob dreckig oder nicht, tut nix zur Sache und ist ganz die private Angelegenheit von Frau K.), man wird aber kaum darüber streiten können, ob sie dieses Körperteil ist. Ist sie nicht. So etwas sind Beleidigungen, weil sie sachlich unrichtig sind und ehrverletzenden Charakter haben. Was aber ist mit Bernd? Ist Bernd ein Faschist? Bei Facebook wird von AfD-Fans heftig darüber gestritten. Hier wird den politischen Gegnern vorgeworfen, sie seien ja selber Faschisten (Erinnern sich die Menschen von euch noch an den Kindergarten? „Selber! Selber! Nananananananaaanaaa!“), weil sie keine andere Meinung zuließen und andere, vermeintlich Unschuldige diffamieren. Wer hat Recht? Fragen wir doch jemanden, der sich damit auskennt…

Der Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Umberto Eco ist als Kind im faschistischen Italien unter Mussolini groß geworden. Als Eco dreizehn war, wurde der Duce gestürzt. Eco hat den Faschismus erlebt, ist unter ihm aufgewachsen. Er wusste also, wovon er sprach, als er 1995 in der ZEIT den Kern des Wortes „Faschismus“ definierte, also das, was er als „Urfaschismus“ bezeichnet. Und siehe da: Mit Hilfe von Bernds eigenem Wortlaut kann man problemlos so einiges feststellen: Traditionskult? „Wir erleben die finale Auflösung aller Dinge: von den Identitäten der Geschlechter und Ethnien, den Familien, den religiösen Bindungen über die kulturellen Traditionen.“ Das Wahlprogramm seiner Partei in Thüringen übrigens enthält elfmal das Wort oder den Wortstamm „Tradition“, das Grundsatzprogramm der Bundespartei 16mal. Weiter: Rassistisch? „Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“ Individuelle oder soziale Frustration als Ursache für die Ideologie? „Unser einst weltweit beneideter sozialer Friede ist durch den steigenden Missbrauch und die Aufgabe der national begrenzten Solidargemeinschaft sowie durch den Import fremder Völkerschaften und die zwangsläufigen Konflikte existenziell gefährdet.“ Nationalismus? „Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat.“ Erziehung zum Heldentum? „Bekanntlich schläft der alte Kaiser Barbarossa in einer Höhle des Kyffhäuserberges, um eines Tages mit seinen Getreuen zu erwachen, das Reich zu retten und seine Herrlichkeit wiederherzustellen“ Und schließlich: Übertragung des Willens zur Macht auf die Sexualität? „Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“ Seht euch Ecos Liste mal an und zieht euch ein paar „lustige“ AfD-Zitate rein, sachlich betrachtet ist die Lage unbestritten klar.

Kurz gefasst: Renate ist keine Drecksfotze, Alice darf im Rahmen von Satire als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet werden und der Bernd ist offensichtlich ein Faschist. Ganz einfach. Sind knallharte, überprüfbare Fakten und die haben mit Meinungen nichts zu tun. Klar kann man sagen „Masern sind harmlos! Das ist meine Meinung und das darf ich sagen!“ Man ist dann nur leider ein Idiot. Und eine Meinung im eigentlichen Sinne ist es auch nicht, wie ein Artikel im Spiegel einmal feststellte: „Das wesentliche Merkmal der Meinung ist: Sie kann nicht ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ sein, man kann sie nicht überprüfen. Das unterscheidet die Meinung von der Tatsachenbehauptung.“

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief für Beleidigungen. Meinungsfreiheit erlaubt auch keine Verleumdung und keine zum Beispiel Holocaustleugnung oder andere Volksverhetzung. Alle Grundrechte haben ihre Grenzen – mit Ausnahme von Artikel 1 – und der schränkt die anderen im Zweifelsfall ein. Nehmen wir gleich den nächsten: Artikel zwei. Freie Entfaltung der Persönlichkeit (GG 2.1) hört auf, wenn jemand sich nackt auszieht und in allen Straßencafés auf die Tische kackt. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (GG 2.2) ist eingeschränkt, wenn dadurch andere im gleichen Recht beschränkt werden. „Was sollte ich denn machen, wenn meine Leber wegen des ganzen Sprits abkackt? Ich musste ihn aufschneiden und das verdammte Ding für mich da rausholen! Er hat meine Blutgruppe… also… hatte…“ Verbot der Benachteiligung einzelner Gruppen (GG 2.3) hört schon bei der Ladie’s Night in der Bar oder beim Parken auf dem Behindertenparkplatz auf. Und es ist keine Diskriminierung, dass eine Umfrage über die Bequemlichkeit von Schuhen Menschen ohne Beine ausschließt.

Halten wir fest: Meinungsfreiheit bedeutet, seine Meinung innerhalb bestehender Gesetze sagen zu dürfen.

Der Rest ist die Einhaltung dieser Gesetze und eine gehörige Portion dessen, was ihr als „gesunden Menschenverstand“ bezeichnet. Diesen Begriff finde ich übrigens sehr seltsam. Was soll das sein und warum unterstellt man damit dem Großteil eurer Spezies, dass sie krank ist? Ich würde das einfach als „Anstand“ bezeichnen. Ein bisschen Übertreibung ist okay, ein bisschen mehr zum Zweck einer polemischen Rhetorik auch. Ich kann ohne Probleme sagen „Mark Forster ist in meinen Augen total überschätzt und seine Songs finde ich einfallslos und alle nach Schema F.“ Ich werde mich auch nicht hüten zu sagen „Mark Forster, dieser grinsende Schwiegermutterkuschler, die Antithese des Bad Boy, der Golden Retriever der deutschsprachigen Popmusik hat ein Lied geschrieben, das er seit Jahren mit wachsendem Erfolg, sinkendem Anspruch und zunehmend inhaltlosem Text wiederholt.“ Man muss es aber nicht gleich ausdrücken mit „Mark Forster, dieser behindert rumgrinsende Arschfurz, dieses Denkmal der Schande auf der weißen Weste des großartigen Erbes Beethovens und Wagners produziert mit seinem hirnlos dahinleiernden Dreck nur weichgespülten Schlabber-Scheiß, der für den Begriff ‚Musik‘ und für die Errungenschaften deutscher Kultur ein Dolchstoß ist – das Schlimmste, was diesem Planeten und besonders dieser stolzen Nation je hat geschehen müssen – und wer das anders sieht ist ein verkorkster Vollidiot und Spasti mit dem IQ einer Waschbetonplatte!“ Das eine geht, das andere nicht. Ich hätte vielleicht, um das noch deutlicher zu machen, eine versteckte Holocaustverleugnung oder -relativierung einbinden können, aber es gibt Dinge, die ich nicht einmal in Ordnung finde, wenn ich sie als schlechtes Beispiel verwenden will.

Aber das ist dann auch wieder so eine Frage. Wo ist die Grenze? Für Cousin Rohrschach gibt es, was zwischentintenfischige Interaktion angeht, einiges, das für mich definitiv zu weit geht. Manchmal ärgert er mich damit, dass er Anspielungen macht, bei denen mir irgendwie ungemütlich wird. Aber er weiß, wo es bei mir aufhört, wenn er mir nicht ständig die letzten Fotos von der Unterseite eines Trios koreanischer Kalmare unter die Nase reibt, mit denen er neulich … lassen wir das. Rohrschach weiß einfach, was zum Ärgern gerade noch in Ordnung ist und was nicht. Auch Menschen haben ihre eigenen moralischen oder ethischen Rahmen, in denen sie agieren, die aber nicht dem der anderen entsprechen. Was Tintenfische wissen: Es gibt Schnittmengen, in denen man sich zu bewegen hat. Es gibt einen unausgesprochenen Konsens, dem man, Mensch oder Tintenfisch, eigentlich instinktiv folgt. Ihr Menschen schafft es bloß, dass ein eigentlich harmloser Bildschirm, egal in welcher Größe, euren verbalen Moralkompass einmal fröhlich wegbrüllt. Es zeigt sich: Menschen verlieren ihre Hemmungen, wenn sie ihrem Gegenüber nicht in die Augen blicken müssen. Aber die Existenzen, die denken Beleidigungen gegen Politiker, Mordaufrufe gegen Umweltaktivisten oder Geschichtsrevisionismus (wie der inzwischen berüchtigte Gaulandsche Fliegenschiss) seien im Netz vollkommen akzeptabel, knicken schnell ein, wenn man sie in der Realität konfrontiert oder zumindest an den Pranger stellt. Facebook-Verwender Enrico S. beispielsweise forderte in der Gesichtsbuch-Gruppe „Fridays for Hubraum“ (eine anti-Greta Thunberg, pro-Ölverbrenner, anti-Rußfilter, pro-CO2-Schleuder und so weiter -Gruppe), Greta „Soll ihr dreckiges Maul endlich halten, dumme ADS [und dann wieder das weibliche Geschlechtsteil…]“ Als man das außerhalb der Gruppe öffentlich machte, kniff er sein eigenes Geschlechtsteil ein (die Größe dieses tentakelartigen Dingsbums ist, nebenbei erwähnt, spekulativ, aber wer in einer Gruppe für fette Autos ist… ist vielleicht eine Gruppe, die auch dem blauen Bernd gefällt, der ja so verzweifelt nach seiner eigenen Männlichkeit sucht, der Arme… „phallically challenged“ nennt man das politisch korrekt) und schrieb öffentlich: „Es war nicht meine Absicht irgend jemanden [sic] zu Nahe zu treten oder zu beleidigen.“ Ja, nee. Kann ja auch keiner wissen, dass sich jemand zu nahe getreten und beleidigt fühlt, wenn man sie oder ihn als „Fotze“ betitelt. Kann auch keiner ahnen, dass es dem Typen da hinten wehtut, wenn man ihm mit der Nagelkeule einen über den Schädel zieht. Upps. Tut mir leid. War auch nicht vorherzusehen, dass es komisch schmeckt, wenn der Koch in die Suppe kackt. War keine Absicht, dass jetzt auch noch alles im Restaurant nach Kotze riecht. Und dass es Probleme gibt, wenn Kalle mit dem Betonmischer in den Kindergarten rast, wenn Astrid aus Spaß den Feueralarm auf der Krankenstation mit den Verbrennungsopfern auslöst oder Peter in der Gedenkstätte KZ Buchenwald die Hakenkreuzfahne herausholt, das konnte nun wirklich keiner ahnen. War echt keine Absicht. Hoppla, sorry!

Wie eingangs gesagt: selten dämlich.

Nur, um es mal anders zusammenzufassen: Wenn ihr nicht wisst, was man denn nun sagen darf und soll, wenn ihr das Bedürfnis habt, Dinge zu sagen, für die ihr euch anschließend schämen könntet oder werdet, dann haltet einfach die Klappe. „Gedanken sind frei“ heißt es doch. Denkt euch einfach euren Teil, denn eine Gedankenpolizei haben wir nicht. Ihr sollt nur nicht jeden Scheiß ungefiltert auskotzen. Wenn ihr das aber doch tut, dann seid nicht überrascht, wenn jemand anderes das doof findet und euch kritisiert. Das mögen aber viele gar nicht gerne und meckern dann „Ich darf doch wohl meine Meinung sagen!“ Ja. Darfst du. Und alle anderen auch. Und wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, seine eventuell vollkommen schwachsinnige, beleidigende Meinung öffentlich kundzutun, außerhalb der Filterblase der Eckkneipentheke, wo die ganzen anderen versoffenen Idioten ein undeutliches „Genau, Recht hatter!“ in ihren Bierkrug brabbeln, der darf, soll und muss mit Gegenrede rechnen, denn alle dürfen darauf etwas antworten. Wer das nicht aushält, wer zwar austeilen aber feige nicht einstecken kann, der sollte vielleicht einfach nur „Scheiß Merkel!“ posten und schnell kichernd wegrennen, wie seinerzeit beim Klingelstreich.

Das Prinzip der freien Meinungsäußerung ist eigentlich total simpel. Es heißt nämlich seine Position in einer demokratischen Gesellschaft mit Verstand verbal differenziert und zivilisiert (wenn auch gerne rhetorisch oder gar satirisch zugespitzt) kundtun und verteidigen zu dürfen. Wer das schon nicht rafft, hat wahrscheinlich auch all die anderen Dinge nicht verstanden, über die sie oder er oder es schreiben bzw. reden möchte. Niemand MUSS seine Meinung sagen.

Und wenn ihr entsprechend keine Ahnung von diesem Recht habt, dann benehmt euch nicht wie trotzige, kleine hirnlose Kackbratzen. So, wie der kleine Alexander, der mit dem Malkasten die Freiheit bekommen hat, sich kreativ auszudrücken, aber nur die Wände mit „KAKAPIPIPUPS“ vollschreibt, so, wie die kleine Alice, die ihr nagelneues Handy nicht benutzt, um die Oma anzurufen, sondern sich lieber Pferdepornos anschaut, oder so, wie der kleine Bernd, der mit seiner Blockflöte nicht etwa versucht, die Noten für „Mark Forster für Blockflötenanfänger“ nachzuspielen, sondern sich das Teil in den Hintern rammt, um zu gucken, ob man das Ding auch mit seinem Furz spielen kann. Dann nimmt man ihnen die neuen Spielzeuge nämlich vielleicht irgendwann weg. Und das wäre wirklich, wirklich selten dämlich.

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